Stellen Sie sich einen Handwerksbetrieb mit 15 Mitarbeitern vor.
Die Auftragslage ist hervorragend. Das Unternehmen gewinnt neue Kunden, stellt zusätzliche Mitarbeiter ein und übernimmt größere Projekte.
Drei Jahre später arbeiten dort 35 Menschen.
Der Umsatz hat sich deutlich entwickelt.
Die Organisation allerdings nur teilweise.
Der Geschäftsführer gibt weiterhin viele Angebote selbst frei. Wichtige Kunden rufen direkt bei ihm an. Zwei erfahrene Mitarbeiter übernehmen inzwischen Führungsaufgaben, ohne dass ihre Verantwortlichkeiten wirklich definiert wurden.
Die Liquiditätsanforderungen steigen durch größere Projekte. Abstimmungen werden häufiger. Wissen verteilt sich nicht automatisch mit der steigenden Mitarbeiterzahl.
Nach außen sieht man vor allem eines:
Wachstum.
Im Inneren passiert möglicherweise etwas anderes:
Die Komplexität wächst schneller als die Struktur.
Warum kann Wachstum die Unternehmensstabilität gefährden?
Wachstum kann die Unternehmensstabilität belasten, wenn Umsatz, Mitarbeiterzahl oder Auftragsvolumen schneller steigen als Führung, Prozesse, Liquidität und organisatorische Strukturen. Dann werden bestehende Abhängigkeiten nicht automatisch kleiner – sie können sich mit dem Wachstum sogar verstärken.
Genau deshalb ist Wachstum nicht automatisch gleichbedeutend mit Stabilität.
Ein Unternehmen kann wirtschaftlich erfolgreich wachsen und gleichzeitig verwundbarer werden.
Nicht weil Wachstum grundsätzlich problematisch wäre.
Sondern weil jedes Wachstum zusätzliche Anforderungen an das Unternehmen stellt.
Umsatz kann schneller wachsen als die Organisation
In kleineren Unternehmen funktionieren viele Dinge über kurze Wege.
Der Geschäftsführer kennt nahezu jeden Vorgang. Mitarbeiter stimmen sich direkt miteinander ab. Entscheidungen fallen schnell. Probleme werden pragmatisch gelöst.
Was bei 10 oder 15 Mitarbeitern hervorragend funktioniert, muss bei 30, 50 oder 100 Mitarbeitern nicht mehr genauso funktionieren.
Plötzlich entstehen zusätzliche Schnittstellen.
Informationen müssen mehrere Personen erreichen. Verantwortlichkeiten überschneiden sich. Entscheidungen dauern länger. Neue Führungsebenen entstehen.
Das Unternehmen ist größer geworden – aber seine Arbeitsweise stammt möglicherweise noch aus einer früheren Unternehmensgröße.
Der Geschäftsführer wächst nicht automatisch mit
Eine der häufigsten Wachstumsgrenzen ist nicht der Markt.
Es ist die zentrale Person im Unternehmen.
Solange viele Entscheidungen beim Geschäftsführer zusammenlaufen, kann zusätzliches Geschäft auch zusätzliche Belastung bedeuten.
Mehr Mitarbeiter stellen mehr Fragen.
Mehr Kunden erzeugen mehr Abstimmung.
Größere Projekte führen zu größeren Entscheidungen.
Wenn sich Verantwortlichkeiten dabei nicht verändern, entsteht ein paradoxes Ergebnis:
Das Unternehmen wächst – und wird gleichzeitig stärker von seinem Geschäftsführer abhängig.
Was bei einem längeren Ausfall dieser zentralen Person passieren kann, betrachten wir ausführlicher in unserem Beitrag Was passiert mit Ihrem Unternehmen, wenn Sie acht Wochen ausfallen?
Mehr Mitarbeiter bedeuten nicht automatisch weniger Abhängigkeit
Auf den ersten Blick scheint ein wachsendes Team Risiken zu verteilen.
In der Praxis kann das Gegenteil passieren.
Erfahrene Mitarbeiter werden zu zentralen Ansprechpartnern. Neue Kollegen orientieren sich an ihnen. Spezialwissen konzentriert sich. Einzelne Personen übernehmen immer mehr Verantwortung.
Das Unternehmen beschäftigt zwar mehr Menschen, aber bestimmte Prozesse hängen weiterhin an sehr wenigen Köpfen.
Wachstum verteilt Wissen nicht automatisch.
Genau diesen Effekt betrachten wir im Beitrag Der Herr-Müller-Effekt: Wenn kritisches Unternehmenswissen nur in einem Kopf steckt.
Wachstum braucht Liquidität
Umsatzwachstum klingt zunächst nach mehr finanzieller Stärke.
Doch Wachstum kann zunächst Kapital binden.
Neue Mitarbeiter erhalten Gehalt, bevor zusätzliche Leistungen vollständig abgerechnet oder bezahlt wurden.
Größere Projekte können Material, Personal und andere Vorleistungen erfordern.
Fahrzeuge, Maschinen, Räume oder IT müssen möglicherweise erweitert werden.
Gleichzeitig steigen häufig die laufenden Fixkosten.
Ein Unternehmen kann deshalb beim Umsatz wachsen und gleichzeitig finanziell weniger flexibel werden.
Entscheidend ist nicht nur, ob Wachstum profitabel erscheint.
Entscheidend ist auch, ob Liquidität und Finanzierung dieses Wachstum belastbar tragen können.
Große Aufträge können neue Abhängigkeiten schaffen
Wachstum entsteht häufig nicht gleichmäßig.
Manchmal gewinnt ein Unternehmen einen besonders großen Kunden oder ein außergewöhnlich umfangreiches Projekt.
Dafür werden Mitarbeiter eingestellt, Kapazitäten erweitert oder Prozesse angepasst.
Das kann wirtschaftlich sehr sinnvoll sein.
Gleichzeitig sollte eine Frage beantwortet werden:
Was passiert mit diesen zusätzlichen Strukturen, wenn der Auftrag oder Kunde irgendwann nicht mehr da ist?
Wachstum und Kundenabhängigkeit können deshalb unmittelbar miteinander verbunden sein.
Mehr dazu erklären wir unter Ein Großkunde fällt weg – wie stabil ist Ihr Unternehmen wirklich?
Woran erkennt man, dass Strukturen nicht mitwachsen?
Typische Hinweise sind zunehmende Rückfragen an die Geschäftsführung, unklare Verantwortlichkeiten, wiederkehrende operative Engpässe, Wissen bei einzelnen Schlüsselpersonen, steigender Liquiditätsbedarf und Prozesse, die mit zunehmender Unternehmensgröße immer schwerer funktionieren.
Weitere Hinweise können sein:
- Entscheidungen bleiben regelmäßig beim Geschäftsführer hängen.
- Neue Mitarbeiter benötigen länger als erwartet, um selbstständig arbeiten zu können.
- Führungskräfte haben Verantwortung, aber unklare Entscheidungsbefugnisse.
- Absprachen ersetzen weiterhin definierte Prozesse.
- Fehler und Nacharbeiten nehmen mit dem Auftragsvolumen zu.
- Wichtige Informationen liegen in unterschiedlichen Systemen oder Köpfen.
- Liquiditätsplanung wird trotz steigender Umsätze schwieriger.
- Einzelne Kunden oder Projekte werden für die Gesamtauslastung immer wichtiger.
Kein einzelner dieser Punkte bedeutet automatisch, dass ein Unternehmen instabil ist.
Häufen sie sich jedoch, lohnt sich ein genauerer Blick.
Der Wachstumstest: Würde das Unternehmen weitere 50 Prozent verkraften?
Eine interessante Frage für die Geschäftsführung lautet:
Was würde passieren, wenn Ihr Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten weitere 50 Prozent wachsen würde?
Nicht nur beim Umsatz.
Stellen Sie sich 50 Prozent mehr Aufträge, Projekte oder Kunden vor.
Fragen Sie anschließend:
- Wer würde die zusätzlichen Mitarbeiter führen?
- Wer dürfte welche Entscheidungen treffen?
- Welche Prozesse würden zuerst an ihre Grenzen kommen?
- Welche Schlüsselpersonen würden noch stärker belastet?
- Wie viel zusätzliche Liquidität wäre erforderlich?
- Welche IT-Systeme müssten mitwachsen?
- Welche Kontroll- und Steuerungsinformationen würden benötigt?
- Wo würde die Geschäftsführung selbst zum Engpass?
Die spannendsten Antworten sind häufig nicht diejenigen, bei denen bereits alles geregelt ist.
Es sind die Stellen, an denen die Antwort lautet:
„Dann müssten wir uns etwas überlegen.“
Genau dort kann die nächste Wachstumsgrenze liegen.
Stabiles Wachstum bedeutet nicht langsames Wachstum
Unternehmensstabilität soll Wachstum nicht verhindern.
Im Gegenteil.
Belastbare Strukturen können die Voraussetzung dafür sein, dass Wachstum nicht dauerhaft zusätzliche Abhängigkeiten erzeugt.
Wenn Verantwortlichkeiten klar sind, Wissen breiter verfügbar ist, Prozesse funktionieren und finanzielle Spielräume bekannt sind, muss zusätzliches Geschäft nicht automatisch zu zusätzlicher Überlastung führen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob Ihr Unternehmen wachsen kann. Sondern ob seine Strukturen mitwachsen.
Wachstum verändert mehrere Bereiche gleichzeitig
Genau deshalb lässt sich Wachstumsfähigkeit nicht ausschließlich über Umsatz oder Vertrieb beurteilen.
Mehr Geschäft kann Auswirkungen auf Menschen und Organisation, Unternehmensführung, Betrieb und Prozesse, Digitalisierung, Finanzen und Liquidität sowie die zukünftige Unternehmensstrategie haben.
Eine Schwachstelle in einem Bereich kann dabei Auswirkungen auf mehrere andere Bereiche entwickeln.
Genau diese Zusammenhänge sind für Unternehmensstabilität entscheidend.
Wie CraftLine Wachstumsfähigkeit einordnet
Mit CraftLine betrachtet Mader & Rixen Consulting Unternehmensstabilität über acht miteinander verbundene Bereiche.
Dabei geht es nicht darum, Wachstum zu bewerten oder eine Wachstumsstrategie vorzugeben.
Der standardisierte Prüfrahmen hilft vielmehr dabei sichtbar zu machen, welche Strukturen bereits belastbar aufgestellt sind und wo bestehende Abhängigkeiten bei zusätzlicher Größe an Bedeutung gewinnen könnten.
So lässt sich besser einordnen, welche Handlungsfelder zuerst betrachtet werden sollten.
Wie die Bewertung grundsätzlich aufgebaut ist, erklären wir unter Unternehmensstabilität prüfen.
Mehr über den Prüfrahmen erfahren Sie unter Was ist CraftLine?.
Die entscheidende Frage
Stellen Sie sich Ihr Unternehmen nicht kleiner vor.
Stellen Sie es sich deutlich größer vor.
Mehr Kunden. Mehr Mitarbeiter. Mehr Aufträge. Mehr Umsatz.
Und fragen Sie sich anschließend:
Welche Struktur in unserem Unternehmen würde als Erste nicht mehr funktionieren?
Die Antwort darauf zeigt möglicherweise nicht, wo Ihr Wachstum endet.
Sie zeigt vielmehr, wo Ihre Organisation als Nächstes mitwachsen muss.
Sind Ihre Strukturen bereit für weiteres Wachstum?
Im Erstgespräch klären wir gemeinsam, ob eine strukturierte CraftLine-Stabilitätsbewertung für Ihr Unternehmen sinnvoll ist.
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